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Ballgewandt in frühen Jahren


Mit Sascha Heyer und Patrick Heuscher kommen zwei mehrfache Titelträger zusammen. 2005 wird Sascha zusammen mit Paul Laciga in Berlin Vizeweltmeister. Patrick Heuscher holt zusammen mit Stefan Kobel in Athen 2004 Olympische Bronze. Daneben bringen die beiden neun Schweizermeister, einen Europameister-Titel und weitere fünf EM-Medaillen ins neu formierte Team.

Zwei langjährige Karrieren schwenken ein auf einen Weg

Es war kurz nach halb acht am 25. August 2004 im Beachvolleyballstadion der Olympischen Spiele in Athen als Patrick Heuscher mit seinem Angriff das Hitchcock-Spiel um die Bronzemedaille gegen die Australier Julien Prosser/Mark Williams beendete. Heuscher und sein Partner Stefan Kobel sinken völlig erschöpft in den Sand. Sekunden später, wieder auf den Beinen, schreit Patrick all seine Emotionen in die Athener Nacht, das Publikum tobt, Schweizer Fahnen werden geschwenkt, in der Schweiz nimmt eine Zeit des regelrechten Beachvolleyballbooms ihr Ende. Sommerabende voller Spannung liegen zurück, das knapp verlorene Halbfinalspiel gegen die späteren Olympiasieger aus Brasilien Emanuel/Ricardos taucht kurz noch mal auf. Kobel spricht vom „gelebten Traum“ und hängt noch zwei Saisons an, bevor er Mitte 2006 seinen Rücktritt vom Spitzensport bekannt gibt. Es ist das Ende einer genialen Gemeinschaft. Zusammen mit Trainer Patrick Egger war das Unternehmen Olympia Athen in einem beinah sieben jährigen Prozess minutiös geplant und erfolgreich zu Ende geführt worden. Insgesamt holen Heuscher/Kobel zusammen fünf Schweizermeister Titel, zwei Vize-Europameisterschaften, eine EM-Bronzemdaille und drei Siege auf der World Tour – im letzten gemeinsam Jahr auf der Tour gelingt das Kunststück an einem Tag das Weltmeister-Team und die Olympiasieger zu besiegen. Der allerletzte Höhepunkt einer über zehn jährigen Gemeinschaft, die nicht immer von Harmonie, dafür umso mehr vom Ehrgeiz dreier Ausnahmepersönlichkeiten geprägt war.


Einzug ins Halbfinale geschaft. Patrick zusammen mit Stefan Kobel in Athen 2004.

Heyer, ein „riesen“ Spieler

Im Unterschied zu Patrick Heuscher spielte Sascha Heyer während seiner langen Beachvolleyballkarriere schon mit einigen Partnern zusammen. Schon 1995 wurde er zum ersten von vier Mal Schweizermeister (zusammen mit seinem aktuellen Trainer Patrick Egger nota bene). Mit Markus Egger gelang 2001 der Sieg um den Europameistertitel. Heyer, der in der Halle mit dem MTV Näfels schon Schweizermeister Titel gesammelt hatte, gehört zu den wenigen Schweizer Profi-Volleyballern, die sich im Ausland behaupten konnten. Beim VBC Friedrichshafen schätzte man den riesigen Schweizer nicht nur wegen seiner Publikumswirksamkeit sondern auch wegen seiner Angriffspower. Ab 2005 folgte die Zusammenarbeit mit Beachlegende Paul Laciga, der mit seinem Bruder Martin, als erstes Schweizer Beachvolleyballteam für internationale Erfolge sorgte. Ohne die Lacigas wäre die Erfolgsstory des Schweizer Beachvolleyballs völlig undenkbar. Nicht genug kann deshalb Paul Laciga, der mit der Heim-WM in Gstaad zurücktritt, gelobt werden. Die extreme Professionalität Paul Lacigas in Kombination mit der unbändigen Kraft Sascha Heyers bringen dann den Coup: die beiden Schweizer Beachvolley-Cracks sind an der WM 2005 in Berlin nur noch von den überragenden Brasilianern Fabio Luiz und Marcio Araujo zu stoppen. Diese WM-Silbermedaille bedeutet einen enormen Erfolg, der die mittelmässigen Resultate auf der World Tour vergessen lässt. Grossen Anteil am Erfolg haben die Trainer von Heyer. Marc Gerson und Fabian Lüthi, der Athletiktrainer, der jetzt auch im neuen Team Heyer/Heuscher mit dabei ist.


Sascha und Paul an der WM 2005 in absoluter Höchstform.

Zwei Sport verrückte Kids

Beginnen wir ganz am Anfang. Sascha Heyer wurde am 21. Juli 1972 geboren. Viereinhalb Jahre später kommt Patrick Heuscher am 22. Dezember 1976 zur Welt. Sascha wächst in Hausen am Albis (ZH), Patrick in Frauenfeld (TG) auf. Es überrascht kaum, dass beide schon als Kids verrückt nach Bällen waren. Beide Elternhäuser sind nicht speziell von Sport geprägt. Der kleine Sascha steht mitten in der Nacht auf, um Boxkämpfe sehen zu können und verpasst kaum ein Tennismatch von Lendl, Edberg, Agassi und Co. In Hausen a.A. geht Sascha mit seinen Kollegen mit dem Hockeystock auf die Strasse. Die Jungs „chnebeln“ was das Zeug hält. Sascha ist nicht nur in der Jugendriege des TV Hausen a.A. sondern auch beim FC Affoltern als Fussballer. Sascha löst die Hausaufgaben gleich im Tennisclub, um möglichst schnell wieder auf dem Court stehen zu können. Beim Tennisclub Hausen a.A. wird er im Alter von 15 Clubmeister und ist später sogar eine Zeit lang Tennislehrer. Heyer kann alles ein bisschen. Im Tennis ist er am besten, aber so richtig entdeckt hat ihn da niemand. Alle Nachwuchsspezialisten wissen es schon lange – polysportiv müssen die Jungen heute sein, Sascha Heyer war sehr polysportiv unterwegs – übrigens auch im Tischtennisclub Affoltern.

Patricks erstes Zuhause war an ein Schulhaus angegliedert und einer seiner besten Freunde der Sohn des Schulhauswartes. Die beiden hatten das beste Kinderzimmer, das man sich vorstellen kann – eine ganze Turnhalle für sich. Da wird dann ganze regnerische Wochenenden lang geklettert, Trampolin gesprungen und mit Bällen gespielt. Bei schönem Wetter spielt Patrick Heuscher unzählige Stunden lang auf dem Hartplatz Fussball. 'Klein-Patrick' wird schon früh von aussergewöhnlichem Ehrgeiz gepackt: Er möchte den Älteren beweisen, dass er mithalten, ja sogar sie herausfordern kann. Der Blondschopf rennt jedem Ball nach und gibt nie auf, will sich messen bis zum geht nicht mehr – ihm geht es um die Sache, Starallüren oder ähnliches interessieren ihn nicht, für ihn zählt nur das Spiel und der Erfolg darin. Beim Stadtturnverein Frauenfeld kommt Patrick in den Genuss einer „Laufschule“ und Waldläufen, macht Leichtathletik, spielt Unihockey und auch Handball. Beim FC Frauenfeld passt dem Balltalent das Umfeld zu wenig. Es braucht einen Freikurs seines Sportlehrers, um Patrick den Volleyballsport, dessen Grundtechnik ihn sofort fasziniert, kennenlernen zu lassen.

Vom VBC Säuliamt zum Gewinn der Deutschen Meisterschaft

Sascha wird im Alter von 18 Jahren nicht zuletzt wegen seiner Körpergrösse von damals noch 195 (heute 203) von einem Kollegen in ein Volleyballtraining des VBC Säuliamt eingeladen, wo ihm der Trainer prophezeit, dass er in zwei Jahren in der Schweizer Volleyballnationalmannschaft stehen werde. Sascha freuts, endlich spürt er, dass man an ihn glaubt, auch wenn er von Volleyball eigentlich noch keine Ahnung hat. Er aber lernt schnell – sein Aufstieg ist unvergleichlich. Nach zwei Jahren bekommt er sein Nationalmannschaftsaufgebot. Durch Team-Kollegen wechselt Sascha 1993 zum MTV Näfels, wo er seinen zukünftigen Mentor Marc Gerson kennenlernt. Dank Gerson geht Heyer für ein Jahr nach Friedrichshafen, wo er gleich Deutscher Meister und Cupsieger wird. Beachvolleyball kommt plötzlich in der Schweiz auf: 1992 finden in der legendären Luzernen See-Badi „Lido“ die ersten Schweizer Meisterschaften statt. Heyer spielt mit den grössen der Schweizer Volleyballszene, unter anderen auch mit seinem Vorbild Martin Walser, mit Patrick Egger und auch mit seinem Mentor Marc Gerson. Irgendwann springt er für den verletzten Partner von Markus Egger ein. Das Duo schafft den Durchbruch mit dem Gewinn des Europmeistertitels 2001. 2002 und 2004 holen sich Egger/Heyer die Vize-Europameisterschaft, im Rennen um die Olympia-Quali für Athen 2004 verlieren sie gegen die Lacigas und Heuscher/Kobel. Sascha erlebt Patricks Bronzemedaillen-Gewinn zusammen mit Beni Thurnheer kommentierend am Mikrofon von SF DRS.

Vom VBC Frauenfeld zu Olympia-Bronze

Fast alle Spieler, die zusammen mit Patrick den Volleyball-Freikurs der Kantonsschule Frauenfeld besuchen, spielen bei den Junioren des VBC. Patrick muss da natürlich auch hin. Er geniesst die Freundschaft im Team und wird sehr schnell unglaublich gut. Er wechselt zum VC Smash Winterthur, den er mit Stefan Kobel zusammen in die Nationalliga A führt. Die beiden Jungtalente fallen auf und bekommen ein Aufgebot für das neu gegründete Beachvolleyball-Jugendnationalkader. Der Aufstieg beginnt. Patrick Egger erkennt das Potenzial von Heuscher und von Kobel. Pläne werden geschmiedet, sorgfältig. Heuschers Ehrgeiz aus jungen Jahren im Spiel bestehen zu können und so gut zu sein, wie die Besten, treibt ihn immer weiter bis in jene Athener Sommernacht, in der er für kurze Momente all seine verbliebene Energie hinaus schreien muss. Ein Gipfel ist erreicht. Was zu beweisen war, ist geschafft. Patrick Heuscher hat sich und der Welt bewiesen, dass er in diesem Spiel ganz oben mitspielen kann.


 


Dieser Text ist ein Auszug aus einem Artikel, der im Magazin 'Pulssport' Juni erschien.

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